Sounds
produced by high-class
professionals

Aufholjagd in der Klangwelt

Beliebige "Muzak" war einmal. Heute wird Sounddesign für junge Hotels, Bars oder Läden professioneller. Damit wächst ein neuer Markt für Audio-Consulter und Tonstudios.

Aus der Tür dringen harte Beats. Das schummrige Licht, in dem die T-Shirts auf Stapeln liegen, lässt vermuten, man betrete um drei Uhr früh einen Club, nicht zu Mittag ein Geschäft in der Einkaufsstraße. Wenige Türen weiter sanfte Klaviermusik. Statt Mode gibt es Einrichtung. Wenig weiter klingt beliebige Charts-Musik und als Moderation getarnte Werbung aus dem Einkaufsradio. Ruhiges, stilles Einkaufen, das war einmal. Geschäfte, Lokale und Hotels – vor allem jene, die sich mit Begriffen wie Lifestyle-, Design- oder Szene- schmücken, setzen auf Sounddesign und Sound-Consulting, wenn es um die akustische Ausgestaltung ihrer Räume geht. Waren es lange beliebige Playlists oder die aktuelle Lieblingsmusik der Mitarbeiter, wird dieses Genre professioneller.

„Geht es um die Gestaltung von Klangwelten, das Sound-Branding, gibt es bei vielen großen Nachholbedarf“, sagt Harald Sulzbacher. Er betreibt seit 20 Jahren ein Tonstudio, in den vergangenen gut fünf Jahren hat er sich mit Gosh!Audio auf Audio-Consulting spezialisiert. Mit seinem Team arbeitet er für Unternehmen, Hotels etwa, die ihre eigene Klangwelt schaffen wollen. Das geht vom klassischen Jingle bis zur Playlist, die auf Tageszeit und Zielpublikum abgestimmt wird. Noch gibt es in Österreich kaum Anbieter im Bereich des Sound-Consulting. Deutschland oder die USA seien da viel weiter, sagt Sulzbacher. Aber der Markt wächst.

Vom DJ zum „Sound-Architekten“. „In den Fünfsternhotels wird mittlerweile konsequent jemand hinzugezogen“, erzählt Johannes Nemetz. Er stammt aus der DJ-Szene; nachdem er immer wieder gebeten worden ist, Playlists für Lokale zu kreieren, hat er sich – dank Departure-Förderung – 2006 mit Partner Stephan Keclik selbstständig gemacht, heute bietet das Team von Mooddesigner Audiokonzepte für Hotels, Lokale oder Fitnessstudios an – von der Analyse der Zielgruppe bis zur Technik oder zum Aktualisieren maßgeschneiderter Playlists. Das nutzen vor allem höherpreisige Lokale oder Hotels – oder jene, in denen der Chef selbst nicht im Haus ist, „um zu verhindern, dass das Personal seine Lieblingsmusik spielt“.

Willkürlich Musik abzuspielen, das ist nicht mehr gewünscht. Schließlich sind sich Händler wie Gastronomen des Einflusses der Musik immer bewusster. Konsumforscher weisen heute etwa nach, dass französische Chansons den Weinabsatz steigern. „Die Hirnforschung hat gezeigt, dass Hören der emotionalere Sinn ist als Sehen“, sagt Sulzbacher. Banales Beispiel: Das Bild eines Palmenstrands wird nie ruhige Stimmung schaffen, solange dazu harter Metal klingt. „Kümmert man sich nur um einen dieser Sinne, vernachlässigt man die Hälfte des Potenzials.“

Unterhaltung statt Hintergrund. Während Hintergrundmusik heute Konsumenten steuern soll, war es lange Ziel, nicht aufzufallen. Einfache, seichte Hintergrundmusik wurde schon vom 1934 gegründeten US-Konzern Muzak genutzt, dessen Name nun für ein ganzes Genre steht. „Muzak war der Ursprung. Damals ging es um Hintergrund und einen Soundteppich. Unser Ansatz ist es, eine Auswahl zu finden, die nicht nur Störgeräusche abdeckt, sondern ein Unterhaltungskonzept bietet“, sagt Nemetz. Ziel sei, dass sich jeder, der sich an einem bespielten Ort aufhält, alle paar Nummern wiederfindet. Ob in einem Grandhotel oder einem jungen Haus mit Retro-Konzept.Einzelne treiben die Beschallung auch auf die Spitze: junge Ketten wie Abercrombie&Fitch, die ihr Gewand bei Disco-Atmosphäre verkaufen. Dort soll Musik nicht nur locken – auch vertreiben. „Die einen sagen: ,Boah, wie im Club, super.‘ Andere gehen gleich wieder“, sagt Nemetz. Das ist beabsichtigt, und schärft Image und Zielgruppe.

Musik zum Vertreiben, das nutzt man auch in Hamburg. Dort werden U-Bahn-Stationen und der Hauptbahnhof mit Klassik beschallt. Zunächst, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Seit dem Start des Projekts halten sich an diesen Orten aber nachweislich seltener Drogenkranke, Dealer oder Obdachlose auf. Aber auch für das Personal kann Dauerbeschallung unerträglich werden. Daran arbeiten allerdings die Designer. Die Beschallung lasse sich gezielt steuern. So, dass etwa Aktions-Spots nur dort zu hören seien, wo diese Waren aufgestellt seien, erzählt Sulzbacher, und nicht Mitarbeiter durch Endlosschleifen in den Wahnsinn treiben. Tendenziell, sagt er, nehme der gezielte Einsatz von Musik zu. Nemetz sieht das anders. „Die Musik wird nicht mehr. In Wirtshäusern ist immer schon Radio oder TV gelaufen.“

Sound-Design folgt DJ. Mit der Professionalisierung wächst auch die Bereitschaft zu zahlen – nicht nur für Musik und Lizenzen, auch für Konzept und Beratung. Vor allem in den Städten. Außerhalb, so Nemetz, sei die Situation oft unklar. Legale wie illegale Anbieter verkaufen etwa an Skihüttenbetreiber Festplatten mit 50.000 Titeln um wenige tausend Euro, andere lassen Online-Radiosender laufen. Legal gekauft, hängen die Lizenzgebühren von Standort, Lage und Frequenz ab: Ein Lokal in Krems mit 80 Sitzplätzen zahle beispielsweise knapp 70 Euro pro Monat, ein 100-Quadratmeter-Geschäft 473 Euro im Jahr an AKM-Gebühr, rechnet Nemetz vor.

Mooddesigner verkauft Musik auch als Playlists. Ist das Konzept für ein Geschäft oder Hotel ausgefeilt, werden diese Listen im Hintergrund regelmäßig aktualisiert. Und schließlich spart ein Lokal so Geld für DJs. Als Konkurrenz für diese sieht Nemetz, selbst lange DJ, die Sound-Consulter aber nicht. „Es ergänzt sich“, sagt er. „Viele engagieren am Wochenende DJs und nutzen in der übrigen Zeit unser Programm.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2013)